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Interview

In einem Experteninterview berichtete Eva Böhner von ihren Erfahrungen aus ihren Fußseminaren.

Experteninterview

Was sagt Eva Böhner zu der Thematik?​

Schön, dass wir zusammengefunden haben. Gemeinsam werden wir uns am heutigen Tage näher mit dem Thema Fußgesundheit auseinandersetzen. Sie selbst bieten ein umfangreiches und fachspezifisches Seminar rund um das Thema Füße an. In diesem bieten Sie:

  • Theorie: Anatomie und Physiologie des Fußes
  • Auswirkungen der Fußposition auf die Statik des Körpers 
  • Muskelaufbau, Mobilisation, myofasziale Massagen
  • Kinesiotaping zur Eigenbehandlung von akuten Schmerzen
  • Schuhempfehlungen
  • Praxis: Geh- und Lauftraining

Darüber wollen wir heute genauer sprechen. Sie betreiben einen Sportclub für Frauen mit dem Namen amica mea. Demnach stellt sich gleich am Anfang die Frage…

Wie sind Sie selbst auf das Thema „Fußgesundheit“ gestoßen?

In meiner Arbeit als Fitnesstrainerin und Betreiberin meines Sportclubs amica mea konnte ich in der Vergangenheit unterschiedlichste Fußprobleme meiner Klientinnen kennenlernen – oft sehr komplex und mit den unterschiedlichsten Symptomen. Dabei fand ich heraus, dass es oft von Vorteil ist, die Klientinnen ganzheitlich, mit Blick auf Ihre Körperstatik und Fußgesundheit zu beraten.

Wie wirkt sich die Fußhaltung auf die gesamte Körperstatik aus?


Was ist die Henne und was das Ei? Korrigieren wir beispielsweise die Stellung des Beckens, korrigiert sich gegebenenfalls der Fuß und vielleicht auch umgekehrt. Manchmal können sich Rückenschmerzen durch eine Fußfehlstellung erklären lassen. Deswegen lohnt es sich, dort ebenfalls genau hinzuschauen. Plattfuß, Knickfuß, Senkfuß, Spreizfuß, Hallux Valgus oder Fersensporn können durchaus auf Grund eines statischen Problems (Stichwort: funktionelle Beinlängendifferenz) oder einer Fehlbelastung (zum Beispiel Schuhwerk) entstehen.

Ist das ganze Thema nicht eigentlich hinfällig? Es gibt doch Einlagen, die den Fuß wieder in die richtige Haltung bringen.

Das Tragen von Einlagen ist individuell zu betrachten. Bei akuten Symptomen und zur Schmerzlinderung sind Einlagen notwendig, um eine schnelle Entlastung und Genesung zu erzielen. Einlagen sollten bei funktionellen Problemen jedoch nicht als Dauerlösung betrachtet werden. Wird der Fuß durch eine Einlage und/oder einen festen Schuh gestützt, kann die Fußmuskulatur seine Aufgaben nicht mehr erfüllen – der Fuß kann seine Stoßdämpferfunktion nicht mehr erfüllen, die Muskeln bilden sich immer mehr zurück. Ein schwaches Fußgewölbe ist die Folge. Ergänzende Fußgymnastik, Kräftigung, Mobilisation und Dehnung ist zusätzlich, zu der Versorgung mit Einlagen, sehr sinnvoll und ratsam.


Der Hype um die Barfußschuhe. Was sagen Sie als Expertin zum Thema Barfußschuhe?

Der Barfußschuh ist im Grunde nur angepasst an unsere heutige Lebensweise. Heutzutage müssen wir uns mit hartem Asphalt, verschmutzten Straßen, unebenen Wegen sowie Kälte auseinandersetzen. Daher ist unser Fuß auf Schuhe angewiesen. Die Hersteller dieser Schuhe achten in der Regel darauf, optimale Gegebenheiten für unsere Füße zu schaffen. Die absolut ideale Umgebung für unsere Füße (barfuß) wäre ein weicher Untergrund – wie auf einem Waldweg. Jedoch lässt dies unsere heutige Lebensumgebung nicht zu. Unsere Füße sind absolut unterfordert von unserem modernen Lebensstil und sehnen sich nach Belastungsreizen, wie wechselnde Untergründe, mehr Bewegung und mehr Bewegungsfreiheit.


Wann empfehlen Sie Barfußschuhe? Wann sollte man diese tragen und wann sollte man besser darauf verzichten?

Barfußschuhe sollten als fußfreundliche Abwechslung zum sonstigen Schuhwerk gesehen werden. Wichtig ist es, sich allmählich an das Barfußlaufen und den Barfußschuh zu gewöhnen. Das kann je nach Konstitutionstyp und Fußproblematik unterschiedlich lange dauern – wenige Monate bis zu zwei Jahren.

Hat einen der Entschluss gepackt, Barfußschuhe zu tragen, sollte man diese zum Beispiel anfänglich im Fitnessstudio oder während kleineren Spaziergängen tragen. Davon abzuraten ist – gerade in den Anfängen – den Barfußschuh den ganzen Tag zu tragen oder bei hochintensiven Sportarten wie Joggen, Tennis und Co. Eine Überforderung der Fußmuskulatur und eine Verschlimmerung der Symptomatik könnten die Folge sein.

Ich selber trage Barfußschuhe während meiner Arbeit und auch im Privaten. Letztendlich wenn ich gehe und stehe, meinen Fuß aber nicht zu sehr belaste.

Aber Obacht! Bei starken Belastungen gilt: Gibt es bereits Probleme mit Knie, Hüfte, Fuß und Rücken sollte man durchaus beim Joggen auf seine gedämpften Laufschuhe mit Pronationsstütze zurückgreifen – nicht auf Barfußschuhe.

Beispiel: Joggen

Bei einem Knick-Senk- und/oder Plattfüßen wird Joggern oft eine Pronationsstütze (Erhöhung an der Fußinnenseite) empfohlen, um die Position des Sprunggelenks, des Knies und der Hüfte zu korrigieren. Würde der Betroffe nun allerdings immer auf einen stark gedämpften und stützenden Laufschuh zurückgreifen – ohne den Fuß anderweitig zu trainieren – würde die Symptomatik des Plattfußes nicht besser, der Fuß bleibt schwach, schmerzempfindlich und untrainiert. Aber Vorsicht! Die Gefahr einer Überbeanspruchung besteht! Es lohnt sich, Rat von Profis (qualifizierter Trainer oder im Barfußschuhfachhandel) einzuholen, um die Strukturen des Fußes, der Muskeln, Gelenke, Sehnen und Bänder langsam an die höheren Belastungen zu gewöhnen.

Und worauf muss man speziell beim Kauf von Barfußschuhen achten?

  • Der Zehenbereich sollte möglichst viel Platz bieten
  • Barfußschuhe sollten über eine dünne, flexible Sohle verfügen
  • Auf eine Absatzsprengung wird bei Barfußschuhen verzichtet – die Ferse befindet sich auf der gleichen Ebene wie der Vorderfuß
  • Geringes Eigengewicht zeichnet einen guten Schuh aus, ebenso wie ein fester Halt am Fuß

Das Kontroverse: Ebenso viel Schuh wie nötig. Aber gleichzeitig auch so wenig wie möglich.

Worauf sollte bei der Schuhwahl geachtet werden?

Es gibt auch „ganz normale“ Schuhe, die den genannten Anforderungen gerecht werden. Ich erlebe in meinen Fußseminaren oft, dass sich Klienten erst bewusst machen müssen, dass ihre Füße nicht nur in der Länge genügend Platz im Schuh benötigen, sondern auch in der Breite. Stellt man seinen Fuß einfach einmal hin, schaut „Wie breit ist der Fuß eigentlich?“ und stellt dann einen Halbschuh daneben, fällt auf: Der Fuß nimmt beim Stehen an Breite zu, da das Fußgewölbe sich ausdehnt und der Schuh daneben im Vergleich meist deutlich schmaler aussieht. Der Rückschluss: Eigentlich passt der Fuß nicht in den Schuh, wenn man ihm seine natürliche Ausdehnung zugestehen würde. Schuhe mit Absätzen sollten wir nur in Ausnahmefällen tragen. Verzichtet werden sollte möglichst auf Schuhe mit einem Fußbett: besser wäre eine ebene, dünne Sohle. Das Fußbett würde den Fuß nur wieder schonen. Geeignete Schuhe vertreten in ihrer Form nur nicht immer die Schönheitsideale, die wir an einen Schuh stellen, sondern eben die Bedürfnisse des Fußes. Allgemein plädiere ich daher für einen guten und kompromissbereiten Schuh-Mix.

Sollte man schon im Kindesalter bestimmt Dinge in Sachen Fußgesundheit beachten um Problemen vorzubeugen?

Kleine Kinderfüße sind nahezu perfekt. Sie sind noch nicht verformt und äußerst beweglich. Lauflernschuhe mit sehr weichen Sohlen gibt es bis ungefähr Größe 25. Danach wird es auch für Kinder mit der Schuhversorgung schwieriger, und die Eltern sollten genau hinschauen. Gerade Kinderfüße brauchen leichte Schuhe, eine flexible, schützende Sohle, kein Fußbett und unnötige Polsterung. Wichtig ist genug Platz in Länge und Breite, um eine optimale Fußmuskulatur zu entwickeln.

Fußtraining

Wie trainiert man seine Füße am besten gesund?

Je nach Fußproblematik können unterschiedliche Übungen empfohlen werden. Kräftigung, Mobilisation und Dehnung sind zur Prävention von Fußproblemen, wie auch zur Therapie, wichtig. Generell können die Fußübungen wie ganz herkömmliche Kraftübungen durchgeführt werden. Dies meint drei Sätze á 10-15 Sekunden halten. Hier geeignete Übungsvorschläge:

Die Kraft des Großzehengrundgelenks verbessern für einen physiologischen Laufstil:

Hierzu wird das Grundgelenk des großen Zehs in den Boden gedrückt, alle weiteren Zehen sind weitgehend entspannt. Hervorzuheben ist im Vorfeld, dass das Thema Fußgesundheit sehr individuell zu betrachten ist. Das Training muss an die jeweilige Problemstellung angepasst werden.

Kräftigung

Aufrichten und Kräftigen des Mittelfußgewölbes: Der Mittelfuß baut eine Art Häuschen. Hierzu belastet man diagonal die Innenseite des Großzehs und die Außenseite der Ferse. Währenddessen wird der Mittelfuß ein kleines Stück nach oben gezogen. Die Zehen bleiben jedoch entspannt.

Dehnen und Mobilisieren

Speziell beim Fersensporn eignet sich die Mobilisierung und Dehnung der Plantarfaszie. Ausgangsposition ist die Hocke, die Knie berühren den Boden. Abgestützt wird sich lediglich auf den Fußspitzen – der Fuß wird geflext. Indem der Oberkörper aufgerichtet wird, ist eine Dehnung in der Fußrückseite wahrzunehmen.

Massage

Die Innenseite des Längsgewölbes lässt sich mit der Technik der myofaszialen Massage behandeln. Am besten eignet sich ein Tennisball. Mit diesem wird über die Innenseite des Fußes gerollt. Lassen sich dabei schmerzhafte Druckpunkte lokalisieren, empfiehlt es sich auf diesem Punkt zu verweilen und diesen nach und nach mit dem Ball oder den Fingern zu massieren. Auf diese Weise werden kleinere Verspannungen und verklebte Faszien gelöst.

Wie lange dauert es, bis sich mögliche Erfolge erkennen lassen?

Die Übungen sollen am besten täglich durchgeführt werden. Das Tolle am Fußtraining ist, dass sich schnell Erfolge verbuchen lassen. Wie sieht überhaupt ein perfekter Fuß aus? Schaut man sich Menschen an, die so gut wie nur barfuß laufen, fällt eine klare Definition im Mittelfuß und eine stärkere Definition der Muskeln auf. Die Zehen nehmen sich wieder den Raum, den sie eigentlich brauchen. Betrachtet man speziell eine Vielzahl von Frauenfüßen lässt sich erahnen, dass der Fuß die Form des Schuhs angenommen hat. Der kleine Zeh liegt sehr eng an den anderen Zehen, oder hat sich bereits verformt. Ein gut trainierter Fuß ist wieder in der Lage die Zehen zu spreizen, sprich: man versucht die Zehen auseinanderzuziehen. Was auch wiederum in eine tolle Übung umfunktioniert werden kann: Zehen nach unten an- bzw. zusammenziehen und wieder spreizen. Kurzfristige und sehenswerte Erfolge einer Beratung zum Thema Fußgesundheit können sein:

  • Eine siebzigjährige Patientin mit ausgeprägtem Hallux Vallgus konnte mittels eines Kinesiotapes seit langem wieder schmerzfrei einen Städtetrip absolvieren.
  • Ein zweiunddreißigjähriger Jogger klagte während des Trainings über Knieprobleme. Durch ein einstündiges Lauf- und Techniktraining sind die Knieschmerzen unmittelbar verschwunden.
  • Schmerzen im Mittelfuß verschwinden durch Kräftigung des Mittelfußgewölbes.

Welche Schuhe kann man jetzt überhaupt noch tragen?

Die Welt lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Der Grundgedanke, den Fuß für modische Zwecke zu nutzen oder rein ästhetisch zu betrachten sollte allmählich verabschiedet werden. Die Abwechslung ist das Entscheidende. Sensibilisieren Sie sich selber für das Thema Fußgesundheit und betrachten Sie die Thematik mal aus einer völlig neuen Sichtweise – aus der Sicht Ihrer Füße, die Sie im besten Fall ein langes Leben schmerzfrei tragen.

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